Dienstag, 30. September 2014

Tempel, Tag und Nacht

Hervorragend erhaltene Reliefsszenen
Als wir uns ein wenig ausgeschlafen hatten, so gegen 11 Uhr, beschlossen wir erstmal etwas zu Essen und anschließend Luxor zu erkunden. Aus Gründen der Einfachheit aßen wir einfach im Hotel, was auch sehr reichlich und köstlich war. Während dem Essen lernten wir dann auch Klaus, den deutschen Manager/Besitzer des Hotels kennen, einen studierten Ägyptologen, der uns natürlich einige gute Tipps bezüglich der Sehenswürdigkeiten geben konnte. Da im Prinzip alles, bis auf den Luxor-Tempel, um 5 Uhr nachmittags schon zu macht (was sehr schade ist), blieb uns nicht mehr viel Zeit und auf Klaus’ Empfehlung entschieden wir uns die Tempelanlage Medinat Habu anzusehen. Vielleicht sollte man dazu erwähnen, dass auf Luxors Westseite, also Theben, so viele Tempel, Grabmähler und verschiedene Stätten stehen, dass man selbst bei oberflächlicher Betrachtung bestimmt eine Woche braucht, um sich alles anzusehen. Medinat Habu ist der Tempel, der auf Ramses III. zurückgeht und den Vorteil besitzt, dass die relativ typische Tempelanlage noch sehr gut erhalten ist (sowohl architektonisch, als auch von den Refliefs und Bemalungen her), was einem einen sehr guten Einstieg in das System eines ägyptischen Tempels bietet.
Um die Sehenswürdigkeiten Luxors zu betrachten, muss man fast immer zum Ticketoffice, das aber für uns um die Ecke liegt. Was wir bisher noch nicht erwähnt haben, aber für alle reisenden Studierenden (oder Lehrer*innen) interessant sein könnte: die Investition eines internationalen Studierendenausweises ist vermutlich die beste Investition, die man vor einer Reise nach Ägypten tätigen kann! Fast alles kostet für Studierende nur die Hälfte. Hat man jetzt nur einen deutschen Studentenausweis dabei, muss man immer mit ein bisschen Bakschish nachhelfen, um trotzdem zum richtigen Preis reinzukommen ;)
Medinat Habu Anlage
Bei Medinet Habu liefen wir zuerst einmal komplett um die Außenmauern der gesamten Anlage, um einen ungefähren Eindruck dieses gewaltigen Komplexes zu bekommen. Innen angelangt bekommen wir natürlich wieder zahlreiche Angebote von selbsternannten Guides (Zitat Klaus: Es gibt wirklich keine guten oder ausgebildeten Führer in Ägypten), denen wir diesmal tatsächlich allesamt entkommen konnten – vielleicht auch, weil uns jeder davor gewarnt hatte, dass Luxor die größten Schlitzohre hat, da Luxor vermutlich das höchste Touristen-zu-Ägypter-Verhältnis des ganzen Landes hat. Wir liefen auch innerhalb der Mauern zunächst um das ganze Gebäude herum, da auch die Außenwände unfassbar viele Geschichten auf liebevoll, detailliert und aufwändig gestalteten Flächen zu bieten hatten. Dabei kann man sich die Wände tatsächlich ein wenig so vorstellen, wie man das Klischee im Kopf hat: dort befinden sich große eingravierte Abbildungen von Sklaven und Pharaonen, die meist den verschiedenen Gottheiten Gaben darbringen oder in verschiedenen Szenen erscheinen, die ursprünglich in prächtigen Farben bemalt waren und dazwischen befinden sich kleinere Abbildungen von anderen Szenen oder Hyroglyphen, die wiederum eine eigene oder begleitende Geschichte erzählen. Diese Szenen sind dann nebeneinander, aber auch übereinander angeordnet und ergeben zusammengefasst oft noch mal eine große Geschichte, die in Gräbern dann auch oft von dem Prozess des Übergangs vom Reich der Lebenden in das der Toten handelt. Bereits vor einer einzigen Wand könnte man Stunden verbringen und sich dazu Geschichten überlegen, Charaktere enträtseln und über Details staunen und trotzdem würde man als Laie wohl kaum hinter die Genialität der einzelnen Elemente kommen. Da wir jedoch nur drei Stunden Zeit hatten (manche rauschen da in 30 Minuten durch) konnten wir natürlich nicht zu jedem Detail uns die ausführlichen Gedanken machen, die dieses epische Bauwerk wohl verdient hätte. Dafür versuchten wir die Grobstrukturen des Tempels zu verstehen, mit seinen verschiedenen Pylonen (so werden die gewaltigen, meist torähnlichen Übergänge zwischen den einzelnen Abschnitten der Anlage genannt), Höfen, Statuen, Kapellen, dem Allerheiligsten und in unserem Fall noch den Gemächern und dem zerfallenen Palastabschnitt. Die Tempel werden im Allgemeinen von unzähligen Säulen geziert, die die meist nicht mehr vorhandenen Dächer in früheren Zeiten gestützt haben. Da die Tempel oft nicht nur Lebenswerk von einem Pharao, sondern gleich von mehreren war ist tatsächlich in dem Tempel kein Fleck verschenkt, der nicht dekoriert ist. Alle Säulen, Wände und Tore erzählen uns die Geschichten der großen Herrscher und Gottheiten, die wir natürlich nicht auseinanderhalten können, uns aber in ihren Bann ziehen.
Was man außerdem in diesen Tempeln findet (wohl eine Spezialität Luxors), sind selbst gebaute Holzabsperrungen und Tücher, die über Gitter gehängt wurden, die manche Bereiche unzugänglich machen sollen. Diese sind aber überhaupt nicht offiziell, sondern von den hier selbst ernannten Guides angebracht, damit man für ein kleines Bakschish mal dahinter sehen oder sogar laufen kann. Glücklicherweise sind in diesem Tempel aber kaum Bereiche abgetrennt oder zumindest noch einsehbar. Leider ist es dann doch schon 17 Uhr und die Anlage schließt. Da aber der „Tempel von Luxor“, der aber auf der Ostseite des Nils steht, nachts angeleuchtet ist und bis um 21 Uhr offen hat, entschließen wir uns dazu auch diesen noch zu besichtigen, um den Tag noch mit Inhalt zu füllen. Weil um 17 Uhr aber auch die Temperaturen langsam angenehmer werden, beschließen wir bis zum Nil zu Fuß zu laufen, was uns ca. eine Stunde Fußmarsch und viele ausgeschlagene Einladungen zum Tee oder Ähnlichem kostet (bestimmt ein Dutzend Einladungen, 100 Selams, 40 „Welcome to Egypt / Luxor“ und 20 „What’s your name“ oder „Where are you from?“), wobei wir uns immer bemühten möglichst höflich zu sein. Einige Zeit später kommen wir dann am Ufer des Nils an und können mit wenig Mühe ein günstiges (50-Mann-Motor-)Boot finden, das uns übersetzt (5 Pfund für uns beide = ca. 55 ct.). Drüben angelangt kriegen wir noch einige Angebote für Fahrten mit Feluken (einigermaßen traditionelle Nilsegelschiffe) (‚My Brother has nice feluka’) und Heißluftballons. Der Luxor-Tempel befindet sich direkt an der Bootsanlegestelle, aber leider ist der Eingang auf der anderen Seite des Tempelgeländes, welches nicht gerade klein ist. Das bietet natürlich beim Unrunden weiteren Händlern, Pferdekutschern und Taxifahrern Möglichkeit, uns ihre Dienste anzubieten. Wir können einigermaßen gut versichern, dass wir die paar hundert Meter zu Fuß laufen wollen bis uns schließlich ein Ägypter so nachhaltig einlädt uns mit seiner Kutsche zum Tor zu fahren, das wir kaum ablehnen können, obwohl es nur noch etwa 300 Meter sind. Dafür kriegt er aber, wie wir es ihm vorher angekündigt haben, auch keinen Lohn (wir wollten wirklich nicht mitfahren und haben nur angenommen weil er beleidigt war, dass wir seine Gastfreundschaft nicht annehmen). Immerhin versprechen wir darüber nachzudenken, ob wir nach der Tempelbesichtigung eine Kutschenrundfahrt durch die Stadt machen wollen.
Haupteingang des Tempels
Der Luxor-Tempel ist ziemlich groß und dicht bevölkert von arbeitslosen Führern, die hier (mit Hipsterbrillen getarnt) uns erzählen, dass sie natürlich alle einen Bachelor in Ägyptologie haben und gar keinen Lohn wollen. Einerseits ist uns inzwischen klar, dass wir wirklich kein Interesse an einer informationsarmen, wenn nicht sogar –falschen Führung haben, die durch alle Sachen nur durchhetzt und keine Zeit für die Würdigung der Kolossalität lassen, aber andererseits drücken die Guides hier in Luxor auch gut auf die Tränendrüse und erzählen uns von ihrem Schicksal und dem Ausbleiben der Touristen. Wir entschließen uns trotzdem gegen eine Tour und möchten dem Mann zumindest eine kleine Spende auf dem Rückweg in die Hand drücken, doch da ist er schon verschwunden. Der eigentliche Eingang zum Tempel beginnt zwar dort, wo auch der Einlass ist, jedoch kehren wir noch einmal dem Eingang den Rücken, um die unendlich scheinende Allee an Sphingen, die den Tempel bewachen zu durchschreiten. Mehr als 120 (keine Zahl in den Büchern, ungefähre Zählung) mehr oder weniger gut erhaltene Sphinx-Statuen stehen sich dabei in einer riesigen Reihe gegenüber, dabei kann einem Grabräuber schon mal die Lust aufs Räubern vergehen. Spätestens ab der 10. Sphinxstatue sind wir mal wieder fernab vom Touristengewimmel, nur auf der Hälfte treffen wir sich langweilende schwerbewaffnete Soldaten, wie man sie an jeder Kulturstätte findet. Zurück am Haupttor kann man die 14 Meter hohen sitzenden bzw. stehenden Ebenbilder des Pharaos Amenophis III. bewundern, nebst dem noch verbliebenen reliefüberzogenen Obelisken ähnlicher Höhe. Ursprünglich waren mal zwei Obelisken vorhanden, sein Bruder steht jedoch heutzutage in Paris (wohl ein Geschenk an Napoleon). Alle Räumlichkeiten und einzelnen Elemente des Tempels zu beschreiben würden an dieser Stelle den Rahmen (und vielleicht auch irgendwann das Interesse des Lesers bzw. Leserin) sprengen, deshalb werden hier nur die für uns beeindruckenden Elemente erwähnt. Gleich zu Beginn sei erzählt, dass auch die Muslime den Tempel derart beeindruckend fanden, dass darin auch heute noch eine Moschee integriert ist. Auch die Römer fanden wohl an dieser Anlage Gefallen, sie bauten einen Raum nach römischem Vorbild (zu Erkennen z.B. an dern Säulen) um. Auch Wurzeln christlichen Denkens lassen sich auf den Gemäldern im „Geburtsraum“ erkennen, wo man eindeutige Parallelen zur Legende der Geburt Jesu ziehen kann. Besonders beeindruckend sind auch die gigantischen sog. Papyrussäulen (sind natürlich aus Stein, nicht Papyrus) im Mittelteil des Tempels.

Nach Besichtigung der Tempelanlagen machten wir uns dann daran ein Zugticket für die Rückfahrt nach Kairo, die für Donnerstag Abend angesetzt ist, zu erwerben. Wie wir schon aus mehreren Quellen gehört haben muss man dies sehr rechtzeitig tun, weil die Züge sonst ausgebucht sind. Obwohl die Busreise nach Luxor nicht verkehrt war, wollten wir auch mal einen ägyptischen Zug testen und versuchten es also am Bahnhof von Luxor. Wir mussten erfahren, dass sämtliche Züge der nächsten Tage schon ausgebucht wären. Der Mann am Ticketschalter konnte uns das auch mit großer Bestimmtheit sehr schnell sagen, obwohl er nur einen kurzen Blick in seinen Computer geworfen hatte. Ob wirklich alles ausgebucht war oder die ganze Sache nur dazu dient, die Touristen in den Secondhand-Zugticket-Verkauf vor dem Bahnhof zu treiben werden wir wohl nie erfahren. Wir versuchten es dort und natürlich gab es noch ein paar passende Tickets übrig, (nach zähen Verhandlungen) für den stattlichen Preis von 210 Pfund für uns Beide, 2. Klasse, Nennpreis 46 Pfund pro Person. Da aber der Bus für uns Touristen 120 Pfund pro Person gekostet hatte (es waren VIP-Tickets, VIP bedeutet hier soviel wie Touristenaufpreis ohne Mehrleistung), war das schon okay. Nach erfolgreichem Abschluss der Geschäfte ging es dann langsam wieder zurück über den Nil und in unser Hotel, wo wir noch kurz den nächsten Tag planten.




Die alten Ägypter wussten auch schon mal eine gute E-Gitarre zu schätzen.

An unbesonnten Stellen sind die Farben noch gut erkennbar


Ein traumhaft verzierter Torbogen

Der berühmte Ankh, ein überall sichtbares Symbol für Leben



'Campen ist Leben'



Auf den Feldern von Theben stehen mal eben ein
paar tausend Jahre alte Statuen rum, kein Problem


Luxor-Tempel

Die 'Sphingenallee'


Der verbliebene Obelisk

Die mächtigen Papyrussäulen

Hier ließ sich der römische Kaiser Diocletian (glaube ich)
ließ sich hier auch mal als Gott verehren



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